Te Araroa - Teil 6

Von:The Key
Nach:Bluff
Distanz:220 km

Tag 57

2. März 2023 10 km

Die Anreise zum Beginn des Te Araroa (TA) auf der Südinsel war für mich etwas länger. Es ging früh mit dem Bus von Christchurch nach Picton, dort musste ich innerhalb von ein paar Minuten auf die Fähre umsteigen. Diese brachte mich nach Ship Cove, dem offiziellen Startpunkt des TA. Zusätzlich gab es sogar noch eine sehr interessante Besichtigung der hiesigen Tiere. Dabei waren viele verschiedene Wasservögel, Delfine und Seelöwen zu sehen. Wir fuhren also recht langsam durch den Queen Charlotte Sound und hielten auch einige Male an. Wer sich jetzt fragt was denn "Sounds" seien, wird wahrscheinlich mit dem Begriff Fjord eher glücklich werden. Es gibt zwar geologische Unterschiede, die sind aber für uns Laien unwichtig, denn eins tun sie beide, genial aussehen. Schlussendlich gelangte ich doch noch ca. 16 Uhr nach Ship Cove. Dort machte ich auch schon die erste Erfahrung mit den Weka, einer nicht-fliegenden Vogelart. Dafür sind sie umso neugieriger, was sich denn so in den Rucksäcken der Wanderer finden lässt. Wenn man dann noch etwas unberücksichtigt herumliegen lässt, kann es gut sein, dass man den Vogel damit wegrennen sieht. Das Vergnügen, diesen Gegenstand dann wiederzufinden, hatte ich zum Glück nicht. Dafür hatte ich ein echtes Vergnügen, denn ich lernte bereits auf der Bootsfahrt zwei junge Schweizer kennen, welche noch zu richtigen Weggefährten werden sollten. Für mich ging es heute nur noch kurz über den ersten Hügel zur nächsten Bucht mit Namen "Schoolhouse Bay". Dort baute ich schnell mein Zelt auf, denn es begann auch schon zu regnen.

Manchmal hätte eine Machete hier weitergeholfen
Ein wenig spektakulärer, dafür umso ruhigerer Schlafplatz

Tag 58

3. März 2023 25 km

Der Morgen begann, wie schon der gestrige Abend aufgehört hatte - mit Regen. Aber auch die ganze Nacht hatte es durchgängig geregnet. Nun kann man sich ungefähr die Beschaffenheit der Wege vorstellen, nämlich ziemlich schlammig und damit auch relativ langsam. Dennoch kam ich gut voran, konnte jedoch kaum die erwarteten schönen Ausblicke auf den Queen Charlotte Sound genießen, denn es war meist sehr neblig. Gegen Abend ließ sich dann aber doch die Landschaft in voller Schönheit blicken. Ich zeltete an einem Platz mit toller Aussicht und so ging es in die nächste regnerische Nacht.

An manchen Stellen zu wenig, hier defintiv in ausreichender Anzahl vorhanden: Wegweiser
Erst geht es durchs meterhohe Gras...
...später durch ein wenig Schlamm

Tag 59

4. März 2023 34 km

Auch dieser Tag fröhnte ganz dem schlechten Wetter, zumindest bis zum Mittag. Für mich ging es immer entlang eines Kammweges, welcher Blicke auf den westlichen Kenepuru Sound und den östlichen Queen Charlotte Sound zuließ. Durch den weiteren Regen war das Vorankommen weiter erschwert worden. Zusätzlich sah ich auch die Auswirkungen, wenn es noch mehr Regen in dieser Region gibt. Der Weg führt nämlich an vielen Stellen vorbei, wo erst vor Kurzem ein Erdrutsch stattgefunden hat. Glücklich, dass kein solcher heute passierte, kam ich am Zeltplatz "Davies Bay" an und stellte mein Zelt auf. Gerne würde ich sagen, dass ich nun ruhig schlafen und Kraft für den kommenden Tag schöpfen könnte. Dem war aber leider nicht so. Es zog ein Sturm auf und ich hatte das Zelt bzw. die Heringe nicht gut gesichert. Es kam also wie es kommen musste, ca. 1 Uhr zog es mehrere Heringe aus dem Boden und ich lag auf einmal im Freien. Da ich keine Lust darauf hatte, dass dies noch mehrmals passiert, baute ich alles wieder ab und suchte Schutz unter einem kleinen Dachvorsprung bei der Toilette… es könnte schöner sein, aber auch das ist die Realität eines "Outdoor-Lebens".

Der Blick in Richtung Ziel, aber noch ist das Ende nicht in Sicht
Blick in das Tal des Wairaki River
Die Mount Linton Station: Unendliche Kuhherden,
und genauso unendliche Felder auf insgesamt 120 km²

Tag 60

5. März 2023 21 km

Auch zum Outdoor-Leben und in besonderer Weise zum Te Araroa gehört das Roadwalking. Das heißt der Weg verläuft manchmal kilometerlang auf bzw. neben Straßen. Vor allem auf der Nordinsel ist das auf relativ vielen Abschnitten der Fall. Aber auch hier auf der Südinsel bleibt es nicht aus. Der Hauptgrund dafür liegt bei der Entstehung des Weges, denn eigentlich ist es gar kein wirklich zusammenhängender Trail, sondern lediglich der Versuch mit bereits bestehenden Wanderwegen Neuseeland der Länge nach zu durchqueren. Damit das funktioniert braucht es aber immer wieder Verbindungsstücke und diese bilden meistens Straßen. Es geht also für mich nach den letzten 3 km auf dem Queen Charlotte Track auf den "Link Pathway". Jener verbindet Anakiwa und Havelock miteinander. Manchmal als Trampelpfad neben der Straße, manchmal auf der Straße und am Ende sogar als richtiger Wanderweg in den Hügeln vor Havelock. Entsprechend unspannend verlief der Tag und ich kam relativ zeitnah in Havelock an, genoss einen Burger und das Einkaufen frischer Lebensmittel, welche ich die nächsten Wochen wahrscheinlich nicht zu Gesicht bekomme. Eine erfreuliche Begegnung gab es dann doch noch. Ich traf gleich am Anfang ein junges deutsches Paar, welche Birnen von einem Baum pflückten. Ich bediente mich ebenfalls und wir kamen ins Gespräch. Eine gute Abwechslung zu der Zeit alleine.

Eine ungewöhnliche Unterkunft eine Hütte auf dem Gelände der Birchwood Station
Auf einmal im erzgebirgischen Fichtenwald gelandet
Auch der Ausblick erinnert sehr an zuhause

Tag 61

6. März 2023 18 km

Auch heute ging es am Anfang wieder entlang der Straße. Diesmal allerdings am Highway, auf dem auch LKW mit rund 80 km/h entlang fuhren. Diese 3 km waren eine besondere Erfahrung, die ich allerdings nicht unbedingt wieder brauche :) Die nächsten 10 km folgte ich einer Schotterstraße. Anschließend ging es auf verschiedenen Feldern und Weiden entlang durch stereotypische neuseeländische Farmen. Vorbei an Kühen und Mais bahnte ich mir über Zäune hinweg den Weg zur Pelorus Bridge. Das ist ein großer Campingplatz mit Anbindung an den Pelorus River. Vorteil: Bademöglichkeit, Nachteil: viele Sandfliegen. Da half nur eins, sich schnell im Zelt zu verkriechen.

Wieder eine private Hütte, diesmal etwas einfacher: Merriview Hut
Es kündigt sich die letzte große Herausforderung der Wanderung an
Ein wehmütiger Blick zurück in die neuseeländischen Alpen und all die Erlebnisse, die ich nun mit Ihnen verbinde
Der letzte Zeltplatz auf dem Te Araroa für mich

Tag 62

7. März 2023 26 km

Die Kilometer lassen erstmal nichts Ungewöhnliches vermuten, allerdings trügt dieser Schein. Denn an diesem Tag fuhr ich früh per Anhalter nach Nelson, der nächsten größeren Stadt. Nach wenigen Minuten des Wartens nahmen mich zwei nette Neuseeländer mit auf die rund 50 minütige Autofahrt. In der Stadt angekommen war die große Aufgabe für die nächsten ca. 22 Tage einzukaufen. Natürlich kann ich nicht für eine so lange Zeit Essen im Rucksack mit herumtragen. Viel mehr habe ich für 6 Tage Essen in meinen Rucksack verstaut und den Rest in Pakete gepackt. Diese brachte ich dann zur Post und sandte sie zu den nächsten Örtchen auf dem Weg. Diese Orte sind allerdings so klein, dass es keinen oder nur sehr sehr teure Einkaufsmöglichkeiten gibt. Entsprechend umging ich diesen teuren Spaß mit dieser Aktion. Hoffentlich kommen die Pakete auch an… Danach gab es noch ein gutes Mittagessen beim Türken und ein Eis, bevor es per Anhalter zurück nach Pelorus Bridge ging. Dort kam ich bereits 16 Uhr wieder an und wollte doch schon mit dem nächsten Wegabschnitt beginnen. Dieser ist allgemein bekannt als die Richmond Ranges und er zählt wohl zu den herausforderndsten aber auch schönsten Teilen des gesamten TA. Der Beginn verlief jedoch unspektakulär 14 km lang auf Schotterstraßen. Immerhin ging es dadurch schnell voran. Danach kamen die ersten 3 km eines Trampelpfades, welchem ich auch die nächsten Tage folgen sollte. Ich kam ca. halb 7 an den Emerald Pools an. Diese sind poolartige Bereiche im Pelorus River und entsprechend froh war ich, dass ich mich dort waschen konnte. Danach ging es aber auch gleich ins Zelt, denn auch hier waren die Sandfliegen zu Tausenden unterwegs.

Von hier ist das Ende in Sicht, der Bluff Hill in der Ferne
Hier schlägt der gefürchtete neuseeländische Schlamm nocheinmal zu
und ich hatte keine Chance ihm zu entkommen
Unerwartet und deshalb umso schöner: Trail Magic

Tag 63

8. März 2023 13 km

Nach einer ruhigen Nacht ging der noch sehr schöne Trampelpfad entlang des Pelorus River. Zumeist ging es dennoch ordentlich auf und ab, da der Weg jeden möglichen Hügel entlang des Flusses mitnahm. So ging es den ganzen Tag wortwörtlich über Stock und Stein. Naja immerhin besser, als im Fluss zu laufen. Dazu sollte es auch erst zu einem späteren Zeitpunkt kommen. Jedoch durfte ich an diesem Tag meine erste Bekanntschaft mit den neuseeländische Brückenkonstruktionen im Backcountry („Hinterland“) machen. Wenn man Glück hat, bestehen diese aus drei parallelen Stahlseilen mit Verbindungsstreben als Lauffläche und zwei Seilen als Handlauf. Wenn nicht, dann kann es auch mal nur ein Seil für die Füße sein. So überquerte ich mehr oder weniger elegant mehrmals den Fluss und gewöhnte mich schnell an die neue Herausforderung. Nach 10 Kilometern verließ der Weg den Fluss und es ging ca. 700 Höhenmeter steil bergauf zu meiner heutigen Übernachtungsmöglichkeit, der Rocks Hut. Das ist somit auch die erste Hütte von den berühmten Backcountry Huts in Neuseeland. Diese sind ganz verschiedener Bauart und Ausstattung, aber sie bieten dem Wanderer in jedem Fall Schutz vor Wind und Wetter. In dem man einen Hüttenpass kauft, darf man fast alle öffentlichen Hütten in Neuseeland benutzen. Damit finanziert man auch teilweise deren Wartung und Instandhaltung. Ein wirklich geniales Konzept. So hatte die heutige Hütte einen großen Gemeinschaftsbereich mit Ofen, mehrere Liegeflächen mit Schaumstoffmatratzen, sowie Wassertanks und sogar Toiletten mit Spülung. Später sollte ich schnell merken, dass dies eher die Luxus-Variante ist und nicht der Standard, aber das wäre auch zu viel verlangt. Zum Abschluss des Tages ging ich auf den nächstgelegenen Berg, von welchem man bis nach Nelson und zum Ozean schauen konnte. Den Abend verbrachte ich dann gemeinsam mit den anderen Te Araroa-Wanderern am warmen Ofen. Darunter waren die Schweizer vom ersten Tag und auch eine deutsche Familie, zu der auch das Pärchen gehörte, welche ich ein paar Tage zuvor am Birnenbaum getroffen hatte.

Endlich wieder Sand unter den Füßen
Blick auf den Riverton

Tag 64

9. März 2023 35 km

Nach einer erholsamen Nacht in der luxuriösen Rocks Hut ging es 9 km immer auf ca. 1000 Metern dem Bergkamm entlang. Der Weg bot somit auch viele wunderschöne Aussichten, sowohl auf bereits Bewältigtes, aber auch auf das viel längere noch Kommende. Ich genoss also das schöne Wetter in der Höhe bis zum Totara Sattel als der Abstieg entlang des Browning Streams begann. Bis zur nächsten Hütte ging es ca. 600 Höhenmeter bergab. Dort angekommen gab es nochmal eine stärkende Mahlzeit, denn der nächste Abschnitt zu meinem Ziel, der Starveall Hut, hatte es nochmal in sich. Innerhalb von 6 km ging es 900 Höhenmeter bergauf. Oben angekommen war mein Körper durch die Anstrengung so warm geworden und die umgebende Luft so kalt, dass ich eine Dampfwolke hinter mir herzog. Bisher kannte ich das nur vom Ausatmen der Luft im Winter. Auch traf ich altbekannte Gesichter an der Hütte wieder. Neben der Freude darüber, kam auch bald die Erkenntnis über den Mangel an Schlafplätzen innerhalb der Hütte für diese Nacht. So hatten wir in der letzten Hütte alle Platz gefunden bei 16 verfügbaren Betten, die heutige Unterkunft bot allerdings nur 6 davon. Ich hatte aber Glück und einige andere hatten bereits ihr Zelt daneben aufgeschlagen und ein Bett war noch für mich übrig. Ein wahrer Segen nach so einem Anstrengenden Tag nicht noch alles selbst aufbauen zu müssen.

Sicherlich eine der fragwürdigeren Unterkünfte meiner Reise
Ich hatte mir den Strandspaziergang zwar etwas anders vorgestellt, abe ich will mich nicht beschweren
Mittlerweile sind nasse Füße mein Alltag und können meiner Stimmung gar nichts mehr anhaben
Ein erschreckender Ausblick in richtung Bluff

Tag 65

10. März 2023 34 km

Es folgt der wohl härteste Tag in meinem bisherigen (Wander-) Leben. Es deutete sich bereits am Morgen an, dass man heute nicht so schöne Aussichten bewundern könnte wie gestern, alle Berge waren nebelverhangen und ließen nur wenig von ihrer Schönheit blicken. Trotzdem ging ich frohen Mutes los und überschritt das erste Mal die 1500 Höhenmeter-Marke. Über die Berge "Mount Starveall", "Slaty Peak" und "Old Man" blieb man auch immer annähernd auf der erreichten Höhe. Zum Mittagessen auf dem letztgenannten Berg zog sogar der Himmel auf und man bekam einen Blick auf die bewaldeten Berge der Umgebung. Auf den Bildern kommt es gar nicht so herüber, aber man muss sagen, es ist einfach viel grüneres Grün als Zuhause. Diesen schönen Moment teilte ich mit meinen Weggefährten aus der französischen Schweiz und einem Teil der deutschen Familie. Was ein Privileg so etwas gemeinsam erleben zu dürfen. Soweit so schön, denn erst jetzt ging der schwierige Teil los. Als Erstes stand der Aufstieg auf den "Little Mount Rintoul" an. Dieser Weg führte ein schwer begehbares Geröllfeld hinauf. Aber Hinaufgehen ist in solchem Gelände immer einfacher. Auf der anderen Seite hingegen ging es auf losem Geröll wieder herunter. Jeder Schritt führte zu einer kleinen Rutschpartie den Hang hinunter, bis der Fuß wieder Halt gefunden hatte. Man könnte zwar meinen, so sei man schneller wieder unten, aber diese Prozedur forderte meine gesamte verbliebene Aufmerksamkeit und Kraft, sparte also keineswegs Zeit. Hinzu kamen noch gelegentlich Kletterabschnitte und die Suche nach den Markierungen, da die Sichtweite mittlerweile unter 10 Metern lag. Als der Abstieg geschafft war, kam wieder der entspanntere Teil des Aufstiegs auf den "Mount Rintoul", mit 1730 m auch der bisher höchste Punkt der Wanderung. Über große Felsblöcke erklomm ich den Berg, wurde aber leider nicht mit einer Aussicht belohnt. Hingegen musste ich meine letzten Kräfte sammeln und mich auf den Abstieg zur nächsten Hütte vorbereiten. Dieser war, wie schon zuvor, nur über ein großes rutschiges Geröllfeld möglich. Mit letzten Kräften kam ich am Tagesziel an und baute mein Zelt auf, aß etwas und schlief sofort ein. An diesem Tag wurde mir das erste Mal richtig bewusst, dass das Wandern im Hochgebirge in Verbindung mit der Abgeschiedenheit von Neuseelands Wildnis vielleicht mehr Gefahren bietet, als es mir lieb ist und ich mehr Angst hatte, als ich mir gewünscht hätte. Am Endes des Tages kann ich einfach nur Gott danken, dass ich diese Aktion heil überstanden habe. Auch wenn das für Manche übertrieben klingen mag, so waren dies meine Gefühle an jenem Tag und meine Weggefährten machten ähnliche Erfahrungen, wie ich in späteren Gesprächen herausfand. Auch an ein Aufhören hab ich in diesen Momenten gedacht, auch wenn dieses Gefühl schon am nächsten Tag verflog. Gelernt habe ich daraus, dass man nie voreilige endgültige Entscheidungen treffen sollte, wenn es Mal nicht so läuft, wie man es sich erträumt hat. Nach etwas Ruhe sah die Welt am nächsten Morgen schon wieder ganz anders aus.

Das Ziel zu erreichen ist schon alleine toll
aber macht gemeinsam noch deutlich mehr Spaß
In Bearbeitung...

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