TCT Armenien - Teil 4

Von:Dilijan
Nach:Arpi-See
Distanz:212 km

Tag 16

3. Oktober 2024 20 km

Nachdem sich mein Bein und der restliche Körper ausreichend ausgeruht hatten, konnte es zum Glück weiter gehen. Erst ging es durch die Stadt Dilijan, wo an jeder Ecke neue Ferienhäuser und Hotels gebaut werden. Da kann man nur hoffen, dass das Land in den nächsten Jahren eine Friedenszeit erlebt und auch mehr Touristen sich dieses wunderbare Stück Erde anschauen wollen. Das wünsche ich den Armeniern von Herzen, auch wenn ich selbst lieber in der Wildnis unterwegs bin, aber das Land ist für alle Arten zu Reisen interessant. Außerhalb des Ortes ging es dann auch gleich wieder auf nicht sichtbaren Pfaden durch die Berge. Irgendwie bahnte ich mir nach und nach einen Weg hinauf und traf oben auf ein belgisches Pärchen, was mir entgegenkam. Nach einer gemeinsamen Essenspause verabschiedeten wir uns zwar schon wieder, aber die kleine Abwechslung habe ich sehr genossen. Durch dichte Wälder ging es dann wieder über 600 Höhenmeter ins Tal zum Kloster Haghartsin. Dieses ist auch mit dem Auto von Dilijan erreichbar und somit auch gut besucht. Der Komplex stammt aus dem 10. Jh. und liegt wirklich malerisch in diesem Tal. Je nachdem wie man dazu steht, wurde das Kloster leider oder glücklicherweise ab 2010 umfassend saniert und sieht teilweise wie neu aus. Für mich persönlich hatte das Ganze leider eher den Charme von Disneyland, mit den ganzen neuen Gebäuden und Verkaufsständen herum. Da es auch schon spät war, hielt ich mich nicht länger dort auf und ging ca. 1 Kilometer weiter in den Wald dort sollte eine flache Stelle für mein Zelt existieren und in der Nähe noch ein Wasserfall mit natürlichem „Schwimmbecken“ im Fluss. Ersteres war perfekt, letzteres war leider bis spät abends von vielen Leuten belagert, so dass ich nur kurz dort verweilte. Die Nacht war leider auch nicht so erfreulich, denn neben meinem Zelt hatten sich zwei Hunde niedergelassen und diese kämpften genau hier um ihr Territorium. Zudem heulten immer wieder andere Hunde oder Wölfe im Wald, was die beiden dazu bewog, lauthals zu antworten. Mit der Hand am Pfefferspray, um eventuelle Gefahr bestmöglich abzuwehren, schlief ich dennoch ein wenig.

Der Weg heraus aus der Zivilisation, hinein in die Wildnis
Die Landschaft ändert sich ständig und immer ist sie schön
Kloster Haghartsin

Tag 17

4. Oktober 2024 27 km

Sobald die Sonne aufgegangen war, verließ ich diesen Ort. Ich kam nach einigen Höhenmetern heraus aus dem Wald in die offene Gebirgslandschaft. Vorbei an Hirten auf Pferden, verlassenen Traktoren und einer Vielzahl an Kühen bahnte ich mir meinen Weg nach Norden. Auf 2000 m Höhe hatte man immer wieder schöne Ausblicke in die angrenzenden Täler und ich fühlte mich ein wenig wie in den Alpen. Am Ende des Tages traf ich noch einen jungen Bauern der mir anbot mit seinem Lastwagen mitzufahren. Wahrscheinlich war ich nicht schneller, als wenn ich gelaufen wäre, weil das Gefährt doch sehr langsam unterwegs war, aber ein Erlebnis war es allemal. Ich habe teilweise nicht gedacht, dass es auf diesen Wegen überhaupt möglich ist mit einem Auto zu fahren, aber die alte russische Technik gibt in diesem Fall einiges her. Aber seht am besten selbst. Er fuhr mich dann zu einem Ort, wo es seiner Meinung nach perfekt zum Zelten war. Allerdings war es dort sehr windig und ich ging noch ein Stück weiter und fand einen geschützten Platz, auch wenn dieser mitten auf dem Weg war.

Hier stehen auch einfach mal Traktoren offen in der Landschaft, das Vertrauen ist offensichtlich groß
Ein bisschen Alpen-Feeling irgendwie

Tag 18

5. Oktober 2024 34 km

Das Ende meiner Zeit in Armenien neigte sich langsam dem Ende zu und das Datum meines Rückflugs kam auch immer näher. Ich entschied mich daher einen Teil der offiziellen Strecke abzukürzen. Der TCT verläuft eigentlich in einem Bogen nach Norden durch Alaverdi, um dann auf der anderen Talseite des Flusses Debed zurück nach Tumanyan zu kommen. Stattdessen lief ich auf direkterem Weg in den Ort. Die Strecke war wenig spektakulär und von langen Passagen durch Wälder geprägt. Am Ende des Tages wurde ich dann aber doch noch mit tollen Ausblicken in den Debed-Canyon belohnt und kam erschöpft in Tumanyan an. Der Ort wurde 1951 zu Ehren Hovhannes Tumanyan (1869-1923) umbenannt. Der Dichter kommt aus der Region und beschrieb in seinen Gedichten das harte Leben in der Provinz Lori. Diese gilt als die ärmste in Armenien und auch wenn der Rest des Landes nicht gerade reich ist, merkt man dies doch deutlich. Dennoch ist der Ort so beliebt, dass ich mir in Jerewan sogar ein T-Shirt mit dem Stadtplan von Tumanyan kaufen konnte. Außergewöhnlich war auch meine Unterkunft – ein altes Badehaus. Das Gebäude aus Sowjetzeiten wurde rudimentär, aber liebevoll zu einem Hostel umgebaut. Am Ende der Saison war ich dennoch der einzige Gast und konnte so alles für mich allein nutzen.

Blick in den Debed-Canyon
Das Dorf Tumanyan liegt am Fluss Debed im gleichnamigen Canyon
Eine besondere Unterkunft: Das alte Badehaus von Tumanyan

Tag 19

6. Oktober 22 km

Nach einem kurzen Einkauf im örtlichen Tante-Emma-Laden, in dem ich auch die Frau wieder traf, die mir gestern das Hostel aufschloss, ging es auf die andere Flussseite. Dort steht auf halber Höhe des Canyons die Klosterruine Kobayr aus dem 12 Jahrhundert. Die Gebäude sind auch ein beliebtes Ausflugsziel, weshalb ich dort nicht allein war. Die nun folgenden zwei Kilometer aus der Schlucht heraus, waren steil und durch die pralle Sonne auch sehr anstrengend. Belohnt wurde ich mit schönen Aussichten und der folgenden Strecke, die über ein flaches Plateau führte. Nach einem kurzen Abstieg stieß ich wieder ein Stück flussaufwärts auf den Debed und folgte ihm ein paar entspannte Kilometer bis zum Hnevank Kloster. Der Komplex wurde erstmals im 7 Jh. erbaut und 500 Jahre später auf seine jetzigen Ausmaße erweitert. Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass dies das letzte große Kloster auf meinem Weg sein sollte. Auch wenn ich eine Vielzahl von Ihnen gesehen habe, will ich sie definitiv nicht missen, denn sie waren immer unterschiedlich und dennoch ein Ankerpunkt bei dieser abwechslungsreichen Wanderung. Zum Tagesabschluss ging es noch einmal einen steilen Berg nach oben in den Ort Kurtan. In einem Supermarkt holte ich mir mein Abendessen und fand in der Nähe des Dorfes einen typisch armenischen Unterstand, der mir als Unterkunft diente.

Der Klosterkomplex Kobayr im Debed-Canyon entstand im 12. Jh. und hat gleichermaßen armenische und georgische Einflüsse
Auch das Kloster Hnevank hat armenische und georgische Inschriften und spiegelt somit die gemeinsame Geschichte dieses Landesteils wieder
Immer wieder beeindruckend in so alten Gemäuern stehen zu können, hier aus dem 7 Jh.
Das Kloster Hnevank nochmal in voller Schönheit mit der Dzoraget-Schlucht im Hintergrund

Tag 20

7. Oktober 30 km

Der Tag begann mit einem langen Anstieg auf den Mtin (1833 m), bei dem ich von einem vorbeifahrenden Jeep ein paar Stücken Kuchen geschenkt bekam. Eine willkommene Überraschung und ein Motivationsboost. Auf der anderen Seite des Berges schließt sich der Sochut Dendropark an, dies ist ein Arboretum, also eine Ansammlung verschiedener Baumarten vornehmlich nicht-heimischer Arten. Mein Interesse daran hielt sich in Grenzen und ich ging weiter in den nächsten Ort, Gargar. Dort war ich verwundert, denn vor jedem Haus standen Tische mit Körben und Eimern voll mit Obst, Gemüse und was man alles so daraus machen kann. Meine Schlussfolgerung war, dass dies vielleicht ein Brauch zu Erntedank sein muss, aber ich weiß es bis heute nicht genau. Auf jeden Fall nahm ich ein paar Birnen als Geschenk eines Dorfbewohners mit auf den Weg. Die Strecke bis nach Stepanavan verlief unspektakulär entlang des Flusses. In Stepanavan selbst, immerhin 11.000 Einwohner groß, ging ich schnell einkaufen, lief quer durch die Stadt und suchte mir dann außerhalb einen Schlafplatz. Wie am Tag zuvor kam ich an einem freien Unterstand vorbei und nahm ihn für mich in Anspruch. Diese sind bei den Einheimischen vor allem zum Grillen und für jegliche Art von Feiern beliebt. Aber in meiner Unterkunft kam zum Glück niemand vorbei und ich konnte eine ruhige Nacht verbringen.

Ein überraschendes, aber sehr willkommenes Geschenk
Viele Früchte stehen aufgetischt an der Straße - vermutlich eine Tradition zum Erntedankfest
Mein Schlafplatz für diese Nacht ist in einem Unterstand am Fluss Dzoraget

Tag 21

8. Oktober 29 km

Es ging weiter Richtung Westen durch Hochland im Norden Armeniens. Ich lief vorbei am Urasar See, der vor allem für seine prachtvollen Seerosen bekannt ist. Leider war ich schon zu spät, um diese zu bestaunen, da sie im Juli und August blühen. Im nächsten Ort, Kathnakhpyur ging ich in einem kleinen Kiosk einkaufen und bekam sogar ein Eis geschenkt. Die Verkäuferin hatte wohl etwas Mitleid, da ich bei den heißen Temperaturen ganz schön ins Schwitzen kam. Den restlichen Tag ging es allmählich hinauf in die letzten Berge der Tour. Einige kleinere Flussüberquerungen später fand ich ein verlassenes Haus, was von Hirten im Sommer als Camp genutzt wird, mitten am Weg. In der sonst offenen Landschaft bot das Haus guten Schutz vor Wind und Wetter, auch wenn es ziemlich staubig war und nicht den stabilsten Eindruck machte. Dennoch schlug ich hier mein Nachtlager auf und konnte mich für die letzte Etappe stärken.

Blick auf den See Urasar, bekannt für seine Seerosen - leider bin ich nicht in ihrer Blütezeit dort
Meine heutige Unterkunft ist eine verlassene Hirtenhütte im Hochland - nicht schön aber immerhin ein guter Windschutz im offenen Gelände
Etwas staubig und mit alternativem Baustil, aber für eine Nacht mehr als ausreichend

Tag 22

9. Oktober 2024 50 km

Da mein Rückflug in zwei Tagen ging und ich dafür noch nach Jerewan zurückmusste, blieb mir fast keine andere Möglichkeit als meinen bisher längsten Wandertag einzulegen. Ich stand früh auf und ging sehr organisiert in diese Strecke. Ich hatte mir vorgenommen alle 5 km 5 Minuten Pause zu machen, da ich spätestens 18 Uhr am Arpi See sein musste, um noch in den Nationalpark zu kommen. Die Strecke an sich war wenig spektakulär, aus den Bergen ging es hinein in eine riesige Hochlandebene, die sich bis an die Grenzen zu Georgien und die Türkei zieht. Ich lief viel auf Straßen und durch kleine Dörfer, wo mich die Leute wie immer etwas verwundert anschauten, aber nach einem kurzen Gruß auch freundlich zurückgrüßten. Auf den letzten Metern wurde ich von Soldaten angehalten, diese wollten meinen Pass sehen und was ich so dabeihatte. Vor allem die Jüngeren waren begeistert von meinem Equipment und dass ich ihr ganzes Heimatland zu Fuß durchquert hatte. Einer wollte auch unbedingt meine Schaumstoffmatte testliegen und war sichtlich verwundert, dass man darauf für so lange Zeit freiwillig schlief. Für die Region rund um den Arpi See muss man sich per Online-Formular bei den armenischen Behörden registrieren, da ich dies auch gemacht hatte, ging die Kontrolle problemlos. Ich wurde lediglich daran erinnert keine Fotos vom Militär zu machen, was ich ja bereits auf der Tour in einem weniger schönen Umstand lernen musste. Zum Glück ließen sie mich bald alles wieder einpacken und ich schaffte es noch gerade rechtzeitig zum Besucherzentrum des Nationalparks. Dieses beherbergt auch eine Unterkunft mit Mehrbettzimmern, Duschen und einer Küche. Überglücklich nahm ich diesen Service in Anspruch, nachdem ich natürlich noch das obligatorische Zielfoto am See machte.
Ich glaube ich brauche kein großes Schlusswort über diese Wanderung zu schreiben, denn wer bis hierher gelesen hat, weiß was Armenien alles zu bieten hat und was für ein großes Abenteuer diese Reise für mich war. Aber die Welt hält da noch so einige bereit und ich werde sie mir nicht entgehen lassen. Bis dahin.

Zielfoto ganz alleine vor dem See Arpi
Zum Abschluss und zur Belohnung, gibt es noch einen wunderschönen Abendhimmel

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