TCT Armenien - Teil 3

Von:Jeghegnadsor
Nach:Dilijan
Distanz:220 km

Tag 8

25. September 2024 30 km

Nach meinem Pausentag fühlte ich mich erholt und bereit für die nächste Etappe. Die neue Kraft hatte ich auch nötig, da die ersten 13 km stets bergauf gingen. Erst durch die Stadt Jeghegnadsor und später durch die Berge. Insgesamt 1000 Höhenmeter musste ich in diesem Abschnitt überwinden, um bis zur kleinen Klosteranlage Spitakavor zu gelangen. Umso schöner war der Blick von 2140 m hinunter das Arpa-Tal. Eine weitere Belohnung war der Klang der Glocke, die man hier oben einfach jeder ganz einfach per Seil bedienen konnte. Nach einer ausgiebigen Pause im Schatten ging es weiter über die kargen Berge von Vayots Dzor. Im nächsten Tal lag das kleine Dorf Shatin in dem ich mich nochmal an einem Kiosk stärken konnte. Die nächsten Kilometer versuchte ich weiter auf der vorgegebenen Strecke zurückzulegen, um an mein Tagesziel zu gelangen. Leider musste ich feststellen, dass der Weg in der Realität nicht so klar erkennbar war, wie es die Karte vorgab. Und so verlief ich mich das ein oder andere Mal und lief durch meterhohes Gebüsch oder irgendeinen Privatgarten. Nach diesem anstrengenden Abschnitt entschied ich mich die Strecke bis nach Hors auf der Straße zu laufen. Diese Option war schneller und ich musste nicht durch das Tal, in dem häufiger Bären gesichtet werden. Dennoch waren es noch ca. 8 Kilometer und die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Zu meinem Glück nahm mich nach einer dreiviertel Stunde das erste Auto mit in das Dorf. Dort wurde ich in der Dorfmitte rausgelassen und begegnete auch direkt dem Gastgeber meiner Unterkunft. Aufgrund der Sprachbarriere habe ich nicht verstanden, dass er mich gleich mit dem Wagen mitnehmen wollte und ich lief erst einmal los. Nach kurzer Zeit kreuzten sich unsere Wege und er gab mir zu verstehen, dass er von dem Airbnb war, in dem ich übernachten wollte. Endlich am Tagesziel angekommen, gab es nach einer Dusche ein ausgiebiges Abendessen mit ihm und seiner Frau. Durch den selbstgebrannten Schnaps, an dem es in armenischen Dörfern nie mangelt, schlief ich in dieser Nacht umso besser.

Ausblick von der Klosteranlage Spitakavor
Die Dörfer im Tal sehen wie Oasen in der trockenen Umgebung aus
Abendessen bei armenischen Familien zuhause ist immer ein besonderes Erlebnis

Tag 9

26. September 2024 24 km

Der Tag begann wie der vorherige geendet hatte: mit leckerem Essen in großer Menge. Ich genoss es sehr, da der nächste Abschnitt sehr anstrengend und zudem zivilisationsfern sein sollte. Diese Vermutung sollte sich nur zum Teil erfüllen. Voller Erwartung ging ich los. Nachdem ich schon etwa eine Stunde gelaufen war, sah ich ein vertrautes Auto hinter mir auf mich zukommen. Es war mein Gastgeber der letzten Nacht. Mein erster Gedanke war, dass ich etwas vergessen hatte, zu meinem Glück war dem nicht so. Stattdessen fuhr er zu einem Garten mit vielen Obstbäumen. Als ich ihn erreichte, drückte er mir ein paar Äpfel in die Hand und auch wenn ich wirklich noch mehr als satt vom reichhaltigen Frühstück war, nahm ich sie dankend an. Der Weg verlief erst durch hügeliges Gelände, um wenig später auf einem großen Hochplateau zu münden. Wenig spektakulär lief ich im Nieselregen auf der flachen Ebene entlang bis zu einem kleinen, in die Jahre gekommenen Bauwagen. Gerade als ich vorbeilaufen wollte, kam ein älterer Mann heraus. Er gab mir zu verstehen, dass ich zu ihm in den Wagen kommen solle. Dort saßen noch zwei Freunde von ihm und es war Abendessen angerichtet. Ich bekam direkt einen Teller voll mit frischem Fisch, den Gregori heute im Sewansee gefangen hatte, dazu gab es Lavash (Fladenbrot) und Gemüse. Dazu wurde mir ein Schnapsglas gefüllt und wir tranken auf die armenisch-deutsche Freundschaft mit dem russischen „Druzhba“ (Freundschaft) als völkerverbindenden Trinkspruch. Für mehr Kommunikation musste dann trotzdem der Google Übersetzer herhalten, obwohl ich mir unsicher bin, ob dieser nach einigen Wodka-Runden noch seinen Job erfüllen konnte. Dennoch war es ein geselliger Abend und die Zeit verging wie im Flug. Die beiden Freunde verabschiedeten sich und auch Gregori wollte wieder nach Hause fahren. Er machte mir verständlich, dass ich in seinem Wagen schlafen könne und ich nur am nächsten Tag von außen abschließen soll, wenn ich weiterlaufe. Dazu gab er mir seine Telefonnummer, so dass ich ihn benachrichtigen konnte. Das war wieder ein Erlebnis was völlig unerwartet daher kam und ich mein ganzes Leben wahrscheinlich nicht vergessen werde. Dank des Wodkas fühlte sich der Bretterboden des Bauwagens wie ein Himmelbett an und schenkte mir eine erholsame Nacht.

Dieses Frühstück ist dann selbst für einen Weitwanderer zu viel
Abendessen bei Gregori und seinen Freunden
Gruppenfoto der drei lustigen Vier
Der etwas andere Schlafplatz in einem Bauwagen

Tag 10

27. September 2024 30 km

Nachdem ich den Bauwagen wieder ordnungsgemäß verschlossen hatte und meinem Gastgeber per Telefon Bescheid gab, machte ich mich auf den Weg in das Geghama-Gebirge. Dies ist der wohl abgelegenste Teil der Strecke, da es in diesen Bergen keine Zivilisation gibt, bis auf die Sommercamps der Hirten. Der Tag verging ohne, dass ich einen anderen Menschen zu Gesicht bekam. Aus der Hochebene auf ca. 2200 m ging es allmählich hinauf auf 3000 m, erst auf Feldwegen, dann auf Pfaden und später querfeldein. Denn es gibt hier nicht nur keine Zivilisation, sondern auch keine Wege mehr. Immerhin mein Schlafplatz war an einem etwas interessanteren Ort. Es handelt sich um einen verlassenen Gebäudekomplex auf dem Bergkamm. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine strategische Einrichtung der Sowjetunion, denn von hier kann man bei guter Sicht weit in die Türkei hineinsehen. Da es nach Sonnenuntergang immer kälter wurde, war ich froh, dass ich meine Winterausrüstung mithatte. Es war zumindest so kalt, dass Zelt und Wasserflaschen gefroren sind.

In diesem Bauwagen verbrachte ich die letzte Nacht
Eine neue Grabstätte fernab der Zivilisation
Die armenische Tradition der Kreuzsteine (“Chatschkar”) lebt auch in unserer Zeit weiter
Eine kalte Nacht auf 3050 m

Tag 11

28. September 2024 27 km

Nachdem ich mich motivieren konnte aus meinem warmen Schlafsack hinaus in die Kälte zu gehen, wurde ich sogleich mit einer atemberaubenden Sicht auf den Berg Ararat (5137 m) belohnt. Dieser Ausblick wurde wenige Minuten später noch durch grasende halbwilde Pferde komplettiert. Ich konnte mein Glück kaum fassen, dass war wohl der beeindruckendste Moment auf dieser Wanderung. Nach diesem kurzen (Foto-) Stopp ging es für mich weiter durch die unwirkliche Landschaft erloschener Vulkane. Über ein paar kleiner Gipfel und eine riesige Hochebene bis zum Fuße des Berges Azhdahak. Dieser sah von weiten aus, als könnte er einfach bestiegen werden, aber seine Geröllfelder verlangten mir am Ende des Tages doch noch einiges ab. Überglücklich bestieg ich den Gipfel und erreichte so den bisher höchsten erwanderten Punkt in meinem Leben auf 3597 m. Glücklicherweise konnte ich meinen Rucksack dafür am Pass zurücklassen und die letzten Höhenmeter endlich einmal ohne Gepäck auf den Schultern bewältigen. Der Ausblick war gewaltig, allerdings zogen schnell Wolken auf und ich machte mich an den Abstieg. Auf der anderen Seite des Berges wartete dann ein weiteres Highlight auf mich, der Highland Campground. Das ist ein saisonales Zeltlager, in dem ich ein Bett, eine Portion Nudeln und ein Bier bekam. Besser kann so ein genialer Tag wohl nicht enden.

halbwilde Pferde mit dem Ararat im Hintergund
Und weil es so schön ist nochmal aus der Nähe
hinten links wartet der Azhdahak auf mich
glücklicher Gipfelmoment auf dem Azhdahak

Tag 12

29. September 46 km

Am Morgen war ich mir noch unsicher, wie weit ich heute wandern wollte. Die 46 km bis nach Sevan schienen machbar, da es immer sanft bergab ging. Zudem wollte ich nicht zwischen den ganzen Weideflächen rund um die Stadt zelten. Auf dem Weg traf ich noch eine tschechische Wandergruppe, die zum Highland Campground liefen. Ansonsten hatte ich die schöne Vulkan-Landschaft für mich allein. Der Eintritt zurück in die Zivilisation war dafür umso härter, denn der Feldweg mündete in einen Steinbruch. Die letzten Kilometer bis nach Sevan lief ich also auf staubiger Strecke neben großen LKW entlang, das zählt leider auch zum Alltag auf Fernwanderwegen. Um in die Stadt hineinzukommen, musste ich dann noch den Highway überqueren, da es keinen Fußgängerüberweg oder ähnliches gab. Immerhin war die Stelle übersichtlich und die Ladas nicht die schnellsten Autos. Erschöpft ging ich in mein Hostel, nachdem ich herausgefunden hatte, dass ich den Schlüssel dafür im angrenzenden Kiosk bekam. Als einziger Gast genoss ich den Luxus von Dusche, Strom und Bett in vollen Zügen.

Highland Campground von außen...
...und von innen
Blick zurück auf die höchsten Berge des Geghama-Gebirges

Tag 13

30. September 2024 26 km

Der Tag startete mit einer weniger erfolgreichen Shoppingtour in Sevan, bei der ich eigentlich eine neue Hose kaufen wollte, aber am Ende nur eine teure Sonnencreme aus Deutschland mitnahm. Das lag unter anderem an den oft unzureichenden Informationen zu Einkaufsmöglichkeiten auf Google Maps. Teilweise ist es leider auch frustrierend weder die Landessprache noch die übliche Zweitsprache zu sprechen. Leider können da die meist freundlichen Armenier meine Unfähigkeit zur Kommunikation nicht kompensieren. Oft ist es dann sehr kräftezehrend zum angestrebten Ziel zu gelangen und auch hier war ich irgendwann zu erschöpft, um weiterzusuchen. Ich machte mich also auf den Weg nach Dilijan. Der Weg führte über kahle Berge immer mit Blick auf den Sevansee bis hinein in den Dilijan National Park. An dessen Rand schlug ich auch mein Zelt auf und wurde nur einmal durch das Licht von Scheinwerfern und Motorengeräusche geweckt. Aber das Auto fuhr einfach an mir vorbei, obwohl ich nur 5 m von der Straße schlief. Unter anderem deswegen ist es so entspannt außerhalb von Westeuropa zu zelten, weil es die Menschen einfach nicht stört.

Blick zurück auf die Stadt und den See Sevan
Die Armut in den ländlichen Regionen ist leider oft noch sehr groß
Ein weiterer schöner Zeltplatz

Tag 14

1. Oktober 2024 36 km

Der Dilijan Nationalpark ist durch dichte Wälder geprägt, die eher an Mitteleuropa erinnern. Da ich beim Planen der Tour bereits davon gelesen hatte, dass es hier vermehrt Bärensichtungen gibt, war ich entsprechend angespannt. Nach einigen Kilometern entdeckte ich etwas großes Braunes auf dem Weg vor mir. Voller Adrenalin hielt ich mein Pfefferspray bereit und ging langsam zurück. Nachdem ich das Tier nicht mehr sehen konnte und einige Minuten gewartet hatte, ging ich langsam weiter. Nun waren an der Stelle nur noch Kühe zu sehen und ich vermute, dass ich eine von Ihnen mit einem Bären verwechselt hatte und sich in meinem Kopf die Fantasie breit machte. Eine kleine Chance bleibt dennoch, dass ich dort einen Bären gesehen hatte, man wird es nie herausfinden. Etwas weniger aufregend aber umso schöner ging es durch die schönen Wälder, die immer mal ein paar Ausblicke auf den Nationalpark zuließen. Nach ein paar kleinen „Highlights“ wie einer Kirchenruine aus dem 10. Jahrhundert oder einem Pferdekadaver auf dem Weg, kam ich der echten Sehenswürdigkeit des Tages näher: Goshavank. Benannt ist das Kloster aus dem 12. Jahrhundert nach Mkhitar Gosh, einem Gelehrten, der in Armenien für seine Literatur ist. Sei langem gab es dort auch mal wieder das ganze touristische Programm mit Souvenirshops, Restaurants und Reisegruppen aus aller Welt. Trotzdem war das Kloster sehr sehenswert und auch nicht zu voll, aber natürlich war dort auch ein deutsches Paar. Man kann seinen Landsleuten einfach nirgends entfliehen. Kurz nach dem Kloster hatte mein linker Oberschenkel keine Lust mehr zu funktionieren und ich lief ab da immer mehr wie ein Invalide mit nachgezogenem Bein. Irgendwie brachte mich mein falscher Stolz trotzdem noch gut 10 km bis nach Dilijan, obwohl ich mehrmals die Möglichkeit zum Trampen gehabt hätte. Irgendwann ging es aber wirklich nicht mehr und ich bestellte mir ein Yandex-Taxi (russisches Uber) an die nächstgelegene Straße. Da konnte ich die touristische Seite Dilijans ausnutzen, denn diesen Service gibt es sonst nur in der Hauptstadt Yerevan.

Spitak Yeghtsi ("Weiße Kirche") eine Ruine aus dem 10. Jahrhundert
Mausoleum von Mkhitar Gosh (1130-1213) bekannt für seine Errungenschaften in der armenischen Literatur und im Rechtswesen
Das Kloster Goshavank liegt in einem malerischen Tal, wahrscheinlich auch deswegen einer der Touristen-Hotspots des Landes

Tag 15

2. Oktober 2024 0 km

Im Hostel legte ich gleich einen Pausentag ein, da es meinem Oberschenkel nicht nach weiterwandern war. Ich erkundete Dilijan, genoss die lokale Kulinarik und kaufte mir endlich eine neue Hose, da die alte drohte auseinander zu fallen.

Theater in Dilijan

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